Studio Project    Sorvetão 
Image: Baiana.
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Sengende Hitze und alte Schokolade
(Arbeitstitel: Iced Cake)
 
 
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Sorvetão
Audio File 24 Bit – 48 kHz

sorvetao23.zip
(ZIP-File, 197.4 MB)
 
 
Sorvetão ist auf ein ganzes perkussives Orchester aufgebaut. Auf der Grundlage audiophiler Technik beginnt es ganz zart mit einzelnen Congaschlägen und einer Congatechnik die ein schnurrendes Geräusch erzeugt – nein, es ist keine Cuica! Allmählich wird die Perkussion mit einem Tamborim ergänzt, einem brasilianischen Schlaginstrument mit Fell aber ohne Schellen vom Feira Hippie in Rio. Ein kurzes Guest-Appearance hat es auch von einem kleinen chinesischen Gong.
 

Tamborim Life.

Chinese Gong Life.
Lyrics


Isa Flautaro – Flötist aus Chile.
Hu-hum ... spaziere ich durch die Freie Straße in Basel. Dort, wo vor allem am Samstag die Musikanten für ein allzu karges Brot die Straße klanglich bereichern. Aufmerksam hingehört: Auffallend, eine Querflöte, begleitet von einem lateinamerikanischen Background über Portableverstärker. Und wie das klingt! Ein Stück brasilianische Sechzigerjahre, Atemzüge aus Bahia, jazziger Bossanova. Vom lateinamerikanischen Instrumentalisten Isa Flautaro wunderbar auf der Querflöte begleitet. Das drängte mich ungemein, den jungen Herren aus Chile anzusprechen. Wir vereinbarten einen Tarif und wenige Tage später war er bei mir im Aufnahmestudio. Ich ließ seinen Flötentrack als Notation auf dem Bildschirm laufen, während er zur bereits aufgenommenen Musik dazuspielte. Drei Takes. Wobei ich ihn aufforderte, im dritten Take sehr frei zu spielen, seine eigene Handschrift zu gebrauchen. Es war der beste Take.
 
Audiodemo
Sorvetão Version 23

Band in der Oberstadt. Federzeichnung. Mai 2025.
Nach 32 Jahren wurde da ein wenig Bahia nachempfunden. Eigentlich ist es die Szene einer Sambaband, die in einem Kaufhaus gespielt hatte, so etwas wie Animationsmusik. Es ging wohl kaum um die Musik, eher darum, daß man viel einkaufte. Aber auch um Leute, wie ein Sadhu, den ich in Varanasi gesehen habe, der seinen Meditationsplatz direkt an eine laute Straßenkreuzung aufgebaut hatte. Auf dem Bild rechts neben der Band hat es einen kleinen Laden, da gibt es Indianerschmuck.
 
Cast & Technicalia • Sorvetão
 
Instrumente
 
Edward Mickonis
Drums
Overhead L / AKG-ULS – Grace Design m801 – Dante
Overhead R / AKG-ULS – Grace Design m801 – Dante
Snaredrum / SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Bassdrum / NoName Subkick Microphone – Grace Design m801 – Dante
High Tom / SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Low Tom / Sennheiser MD441U – Grace Design m801 – Dante
HiHat / SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Right Ride Cymbal / Sterling Audio ST77 – Grace Design m801 – Dante
Drum Treatments / Tegeler Audio Magnetismus 2 – Langevin Pultec EQP1a
Weitere Drum Treatments / Höfaudio Dynamic Master
 
NoName Fretless Electric Bass
Channel 1 / Glockenklang Space Deluxe Speaker – Earthworks QTC50 – Grace Design m801 – Dante
Channel 2 / NoName Massive Speaker – Earthworks QTC50 – Grace Design m801 – Dante
 
SG Copy Electric Guitar Line6 Roto-Machine
Channel 1 / Glockenklang / Space Deluxe Speaker – Earthworks QTC50 – Grace Design m801 – Dante
Channel 2 / NoName Massive Speaker – Earthworks QTC50 – – Grace Design m801 – Dante
 
Tumba
SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Conga
SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Quinto
SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
 
BisQuit
High Conga / SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
Low Conga / SE Electronics sE4 – Grace Design m801 – Dante
 
 
Tumba
SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface UC
Conga
SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface UC
Quinto
SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface UC
 
BisQuit Congas
High Conga / SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface
Low Conga / SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface
 
Tamborim
SE Electronics sE4 – RMEQuadMic – RME Fireface
Triangle
Earthworks QTC50 – RMEQuadMic – RME Fireface
Chinese Gong
Earthworks QTC50 – RMEQuadMic – RME Fireface
 
Virtual Instruments
Curly Wurly Softer (Wo kam das her?)
EMU ES1 – Section Trombones
EMU Classic Keys – 107-2 brs 3 Piece
Kontakt Session Horns – Full Section
EMU ES1 – Section Trombones
Kontakt Session Horns Full Section
 
 
Isa Flautaro
Querflöte
RFT Gefell MV201/MK102 – Grace Design m801
 
Noch offen
Saxophon
 
Noch offen
Posaune
 
Noch offen
Lead Vocals
 
 
Noch offen
Backing Vocals
 
 
Aufnahme
DAW: Logic Pro X
I/O: Dante & Steinberg AXR4T / Grace Design m801 • Alle Multitracks: 32 Bit / 192 khz
 
 
 

Tumba Life.
 

Katmandu, I'll soon be seeing you
And your strange, bewildering time
Will hold me down
 
Katmandu, I'll soon be seeing you
And your strange, bewildering time
Will keep me home
 
Cat Stevens – Katmandu

 
A ls Erstes: Allgemeine Gültigkeit. Cat Stevens ist nie in Kath­mandu gewesen. Eventuell wird das durch die Schreibweise von «Katmandu» zum Ausdruck gebracht – es fehlt ein «h». Hier ist kein definierter Ort gemeint, der Ort kann irgendwo sein. So verstehe ich das persönlich.
  Begeben wir uns ganz ahnungslos an die Praça da Sé in Salvador da Bahia. Wir könnten uns auch in eine verwinkelte Seitenstraße in Pushkar begeben. Oder nach Bwejuu an der Küste Zanzibars. Es gibt an solchen Orten unzählige Gelegenheiten, dieses «strange, bewildering time» zu erfahren, eventuel mit der vollen Wucht des «will hold me down». Ich behaupte, das zählt zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die man machen kann. Die verwirrendste – eine völlige Entgleisung.
  Damit haben wir die Relativität des Ortes berührt. Was ist Ort? Ort ist eine Bestimmung im Mindset. Vor dem Computer sitzend will ich etwas trinken. Dazu braucht es einen Ortswechsel, ich muß den Kühlschrank aufsuchen. Oder den Wasserkocher. Generell relativ einfach. Jetzt möchte ich aber Kaffee und Kuchen haben im Wiener Café in Rio de Janeiro, wo das Klopapier angekettet ist. Etwas schwieriger und auch recht kostspielig. Das mit der Teleportation klappt noch nicht, auch die Astralprojektion (sofern diese klappen würde) ist auch keine Lösung, da müßte ich jemand besessen, um über den Wirt meiner Besessenheit die Geschmacksempfin­dungen zu erfahren. So ganz äußerlich betrachtet definiert das die Ortsverlagerung; zuhause recht einfach, für Rio ein Riesenaufwand.
  Irgendein Bedürfnis muß ja wohl so heftig und überzeugend sein, daß man all die Strapazen auf sich nimmt, nach Rio zu fahren oder Kath­mandu oder Zanzibar. Stellt man sich die Frage nach dem Warum, könnte man mit den Antworten einige Bücher füllen. Im Rahmen dieser Betrach­tungen werden wir hier eine einzige auswählen.
  «Das sind die Top-Personalien der SPD – und dafür stehen sie» stand heute im Spiegel. Die Mugshots sehe ich am Rande meiner Wahrneh­mung, weil sie uninteressant sind. Genauso wie die Mugs auf all den Wahlplakaten. Ich weiß, daß mich diese Mugs nicht vertreten: Sie kümmern sich nur halbherzig um die Anliegen anderer Mugs, um deren Daseinsermöglichung. Halbherzige Ermöglichungen, mehr gibt's nicht von diesen heimatlosen Figuren. Da sieht man's wieder mal, es geht um nichts wirklich, außer von seinem Paranoia abzulenken. Dann lieber ganz ängstlich das «your strange, bewildering time will hold me down» erleben.
  Transzendieren wir. Juna Serita spielt Baß. Und zwar hervorragend. Weil sie sich so sehr dem Spielen dieses Instruments hingibt, als wollte sie unbedingt Kaffee und Kuchen haben im Wiener Café in Rio. Und zwar regelmäßig. Was für eine Hingabe. Das muß traumhafter Kaffee und Kuchen sein.
  Das Thema ufert aus, dabei war das nur der Ansatz eines «Warum wohl?».
  Jedenfalls hat uns dieser Wunsch nach «Kaffee und Kuchen haben im Wiener Café in Rio» nach Brasilien versetzt. Warum auch immer stehen wir an der Praça da Sé. Und es ist ähnlich oder gleich, wie es auch auf Jamaika einsetzt: Unser Echolot liefert uns Garbage, die Überlast der Eindrücke hat die Matrix durchgeschmort. Ich weiß warum ich da bin, und gleichzeitig habe ich keine Ahnung, was ich hier suche. Hinter jedem Fundstück verbirgt sich eine weitere Ebene. Vermutlich lassen sich all diese Ebenen schälen wie eine Zwiebel – bis ins Nichts. Siehe Viveka­nanda.
 
 
Hitzeflimmern
Also Edward – Eduardo in Brasilien – geht in seiner völligen Verlorenheit die Praça da Sé entlang und erlebt das «strange, bewildering time». Es hat Bushaltestellen und Zeitungsverkäufer. Das Empfundene geschah morgens oder um die Mittagszeit herum. Mit meinem sehr bescheidenen Portu­giesisch erlese ich aus der Zeitung, daß Frank Zappa gestorben ist (4. Dezember 1993). Zeit fließt dahin. Inzwischen ist es später Nachmittag geworden, vermutlich auch ein anderer Tag. Zeit ist etwas ähnliches wie Ort, genauso unfaßbar.
 
Ich bin mir nicht sicher, ist es ein zeitlich festgelegter Sonnenwinkel oder ist es mir einfach in diesem Augenblick aufgefallen: Es ist siedend heiß. Ich betrachte meinen Unterarm, hebe ihn etwas höher, auf Brusthöhe und merke, wie mir die Sonne die Haut anzubrennen scheint. Rundum hat es Stein, Straßen, metallene Autos, alles speichert Hitze und gibt sie auch wieder ab, was mich außerordentlich erhitzt, ich suche Schatten. Rechts von mir hat es einen kleinen Laden, den ich betrete. Es gab allerlei Brasilianisches zu erstehen, viel Rätselhaftes. Es gab Indianerschmuck. Dünne Bänder, in der Mitte des Bandes hatten sie eine Kauri-Muschel eingeflochten. Solche Bänder trägt man eng um den Arm, sodaß die Bänder einschneiden und die Stelle eine keine Entzündung verursacht. Mit dem Eiter werden Schadstoffe ausgeschieden, der Vorgang dient einer allgemeinen Gesundheitspflege. Indianisch.
 

Armschmuck und eine silberne Blume.
Soweit ich mich entsinne, war ich mit zwei jungen Baianas unterwegs. Auf halber Strecke zwischen der Catedral-Basílica Primacial de São Salvador und dem Elevador Lacerda schwärmte die eine von der brasilianischen Schokolade und forderte mich auf, eine solche Tafel zu erstehen. Und zu versuchen. Anscheinend hatte man in Bahia recht bescheidene Ansprüche an Schokolade. Ich kannte leider die Qualität aus Wien und der Schweiz. Der Riegel schmeckte so wie er aussah. Eventuell hatte er schon einige Hitzenachmittage und Wiedereinfrierungen erlebt.
 
Ich hatte auch eine silberne Blume erhalten, die eventuell von einer der Damen geflochten worden war (ich weiß es nicht mehr so genau), aus Zigarettenfolie. Ich hatte diese anscheinend 32 Jahre lang in einer Lack­schatulle aufbewahrt, zusammen mit dem Indianerschmuck und Candomblé-Ketten, einem weiteren Armband mit winzigen Agogos und einigen Figas. Jetzt, nach den vielen Jahren, suchte ich nach diesen Artifakten und fand sie auch. Es sind wahre Schätze! Ein paar Schnüre, ein paar Muscheln, Federn, kleine Holzstücke und eine Blume aus Zigarettenpapier. Da kommt doch kein Cartier ran. Denn: Diese Kleinig­keiten sind Erinnerungsstücke an «strange, bewildering time». Diese Augenblicke, Erinnerungen aus ferner Zeit, bewirken erst das «will keep me home». Bewegt man sich nicht in diese Fernen, wird man auch keine Ankunft in einem Zuhause erleben.
Edward, 5. Mai 2025
Saxophone Playing. Mischtechnik. Mai 2025.
Saxophone Playing