So ein Studio kann eine Baustelle ohne Bauplan sein. Da man nie genau weiß, was als nächstes passieren oder auftauchen kann, hat man nur die reine Intuition als letzte Instanz und davor den klaren Menschenverstand als Hilfsmittel, wenn er nicht gerade einen trüben Moment oder zuwenig Anhaltspunkte hat. Ich konzentriere mich auf die ungetrübte Version, was äußerst nützlich ist. Eine sehr gute Vorgangsweise ist die, von der Fähigkeit in die Zukunft sehen zu können, gebrauch zu machen. Ein Element in einer Konfiguration ist manchmal nur ein Einzelstück, das ziemlich unbrauchbar sein kann, bis es – vielleicht erst nach Jahren – seine ergänzenden Teile erhält, eine Modifikation oder eine Reparatur. Also ist man darauf angewiesen, seine Sammlung so aufzubauen, daß man zwar von außen her als Messie, Krämerseele oder Nimmersatt definiert wird, auf die Länge aber etwas über Jahrzehnte aufbaut, das zu einem erstaunlichen System aufblüht. Hier gibt es kein «modern». Hier herrscht das Faustrecht des Brauchbaren, vor allem des Brillianten. Und brauchbar und erst recht brilliant ist, was spannend klingt, ob es aus einem Tonbandecho kommt oder aus dem neuesten aller neuen Plugins. Wobei in vielen Fällen das Hardware-Echo dem Plugin weit überlegen ist.
Immer wieder kommt es vor, daß jemand das Studio betritt und dann bemerkt: «Oh, und ich dachte, so eine Aufnahme besteht aus Spielen und Aufnehmen und das war's.» Oh nein. Es ist ein langer Weg dorthin. Oder sagen wir: Es kann ein langer Weg dorthin sein. Generell ist man auf der Suche nach einem bestimmten Klangbild, ob Musiker oder Techniker, und dieses Klangbild soll mit den bestmögichen Mitteln realisiert werden. Und dann tut man, was man kann, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Oft ist man aber auf sich allein gestellt und versucht sich einen Reim zu machen aus all den komplizierten Mechanismen.
Teuer aber gut, gut entdeckt und günstig erstanden: Wenig bekannt ist die Firma Fredenstein, hinter dieser Bezeichnung steckt ein gewisser Fred „Fredenstein“ Schuckert, den es nach Taiwan gezogen hat, der dort seine Produkte herstellen läßt. Hochwertige Studiotechnik, die dann in Deutschland vertrieben wird. Hier haben wir den Mikrophonvorverstärker
Fredenstein F676, hochwertigste Elektronik nach Vorbild des V76. Ein voll analoges Innenleben; da die Röhren kaum mehr zu haben sind, werden diese in Polen nachgebaut. Das Besondere ist die Steuerung per kleinem Display, die ist dann digital und ermöglicht uns sogar Presets. Vom Neupreis von USD 1800 bezahlte ich gebraucht im Reverb nur mehr USD 800. (Dafür verbringe ich mein halbes Leben vor dem Bildschirm.) Und heikel, heikel ist die Maschine, die verlangt nach jemand, der weiß, was und wo und wie.
Tolex zu entdecken war wie ein Geistesblitz. Statt wie vorher die Regale und Racks anzustreichen, mit Tolex zu überziehen, macht richtig Eindruck. Alles sieht edler aus. Und das Aussehen, der Mood und die Ambiente eines Studios trägt vieles zu einer guten Aufnahme bei. Manchmal schaut natürich alles wild durcheinandergewirbelt aus, manchmal ist alles halb zerlegt, so auch beim Zusammebau des ASP 8024 Pults. Und vieles verschwindet manchmal auf Jahre im Regal, bis es neu entdeckt, neu verknüpft und dann erst, im System mit Elektizität versehen wird.
Ich kann's nicht anders beschreiben: Ich lebe an einem Industriestandort.