hielt im Rahmen des LSD-Symposiums Christian Rätsch im San Francisco Saal der Mustermesse Basel einen Vortrag über psychoaktive Subsanzen. Er sprach über die Indianer, die Ayahuasca gebrauchten und was sie ihm über uns, die Weißen, sagten. Sie könnten uns nicht helfen, uns selbst zu finden aber sie könnten uns dabei beistehen, wie wir uns den eigenen Weg zu einer Selbstfindung gestalten können: Sie könnten uns dabei helfen, uns zu
Wie wenig wir haben! Manchmal begeben wir uns in den Fluß einer Handlung, und plötzlich ist diese wieder vorbei und weil wir etwas – zumindest halbwegs – intensiv und damit bewußt erlebt haben, können wir uns an etwas erinnern: etwas, was gleich wieder verblaßt. Wir können uns an unsere Tagträume erinnern, die meisten Menschen an Bruchstücke ihrer Träume. Und das ist alles, was uns bleibt am Leben. Kurze Erinnerungsbruchstücke, die wir sammeln, horten und oft in irgendwas einsperren, daß sie uns niemand wegnehmen kann, oft in einer materiellen Schachtel wie einer Harddisk. Wir sind stolz auf diese Erinnerungen, oder beschämt und sperren die schlimmen Ereignisse umso tiefer weg oder sie waren so schrecklich, daß sie erst gar nicht gewesen sein sollen. So banal ist das Leben. Darum nehmen wir psychoaktive Substanzen, Drogen, Pfeilgift in kleinen Mengen, um die schönen Lebensanteile so zu intensivieren, damit wir sie in unserem Inneren ein wenig festhalten können, bevor wir eventuell doch alles vergessen müssen, dann wenn wir das Ablaufdatum erreichen.
Was unterscheidet das "wirkliche" Leben und den Traum oder den Tagtraum? Nach dem Erlebnis ist es das gleiche Ding, es ist nur Erinnerung. Ein Filmprogramm, nicht einmal der Film. Das ist alles. Wir könnten zu leben aufhören und uns nur mehr den Träumen und den Tagträumen hingeben und ersparen uns so das physische Leben. Ich habe einmal jemand gekannt, die hatte das versucht und entwickelte so allmählich saftige Angstanfälle. Also das geht auch nicht.
Es resultierte aus meiner intensiven Beschäftigung mit den Beatles: Nach all den Jahren hörte ich wieder "Tomorrow Never Knows", das John Lennon nach der Literatur des "Tibetanischen Totenbuchs" schrieb und diesen Song mit den Beatles aufnahm. Zu Besuch in Wien, des Besuches, an dem ich mich von einem sehr guten Freund verabschieden mußte, entdeckte ich in einer Buchhandlung eben jenes "Totenbuch". Allerdings unterschied es sich von jener abgewandelten Ausgabe, die Lennon gelesen hatte, denn das war jene Variation, die Timothy Leary verfaßt hatte als Wegleitung dafür, LSD so zu gebrauchen, daß es zu einem "Ichverlust" kommen sollte: "The Psychedelic Experience: A Manual Based on The Tibetan Book of the Dead". Diese Fassung habe ich bis heute nicht gelesen. Inzwischen lese ich aber parallel eine zweite Fassung und dritte Fassung des Originals. Und das heißt eigentlich: "Bardo Thödol" (Befreiung durch Hören im Zwischenzustand).
Das Bardo Thödol handelt zwar nach dem Tod, nimmt aber genauso Bezug auf das Leben vor dem Tod. Wenn auch man dazu aufmerksam lesen muß. Damit wird das Leben relativiert und von der Herrschaft des Samsaras befreit, zumindest wird uns auf die Technik, dies zu bewerkstelligen, hingewiesen. Auf das Wie. Aber auch hier hat es ein Tun, und das Tun ist die Voraussetzung. Der Rest ist das Chaos, das sich ewig im Samsara dreht, und je mehr man sich darin verliert, je mehr Chaos bekommt man: Verstrickungen ohne Ende, die sich als Wechselspiel von Angenehm und Unangenehm entfalten bis in alle Extreme.
Die Apokalyptischen Reiter geben Gas: Das Weltgeschehen gestaltet sich nach und nach immer mehr aus den Auswirkungen von Chaos, Desorganisation, Krieg und Überverbrauch, was zu Hunger, Seuchen und Tod und Wiedergeburt und wieder zu Tod führt. Desorganisation! Ein Stichwort. Ungestaltet, ungeordnet, willkürlichem Trieben ausgesetzt, unkontrolliertes Treiben auf der Basis der Selbsterhaltung, Lust und Feigheit, Unehrlichkeit und Sorglosigkeit, Dumpfheit und Halbschlaf (mehr Schlaf als sonstwas). Unsere ruhelose Umgebung. Samsara in voller Rotation. Was ist, wenn wir in den Mittelpunkt geraten? Wenn wir unsere Ängste überwinden und in den Mittepunkt steigen? Gibt es mehr als Einsamkeit, was wir dann damit erhalten, oder wirklich nur das Allein-Sein? Oder erleben wir die abgründig schwarz glänzende Einsamkeit Gottes in ihrer unendlichen formlosen Fülle, das Schwarze Loch, im dem alles Licht nach der Überwindung aller Barrieren Nahrung ist für die höchste Kreativität, die vorstellbar ist? Wie banal die Erleuchtung klingt, versucht man sie in Worte zu kleiden.
Es ist so, als würde ich unterrichten: über Künstler und Geschehnisse schreiben oder sprechen, die ich selbst nicht erlebt und erfunden habe. Wie langweilig ist doch das Leben eines Dozenten: Er muß um den Brei herum leben und dann noch vor seinen Schülern als glaubwürdig gelten, um sich damit sein Brot verdienen zu können, ohne am wirklichen Geschehen Teilnehmen zu können aus Unvermögen, die Schaffensarbeit eines Künstlers tatsächlich zu generieren, um dann auch noch zu erfahren, wie nichtig jede Bemühung ist, mit dem Samara mehr erreichen zu können als nur wieder zusätzliches Karma. Der Gewinn sind Schulden. Was will man denn da erzählen wollen? Der Künstler hat wenigstens Freude an seiner Schöpfung bevor er seine Nichtigkeit einsehen muß.
Varanasi 1999: Teilnahme an einem Yagna. Dabei werden sowohl die Gottheiten zelebriert und auch die Verwandlung von einem Schweren Element (Erde) über das Element Feuer in ein Leichtes (Luft).