Varanasi 2007

Dimensionstor am Heiligen Fluß

Besuch bei Familie Shiva Teil 3
Wie vergesse ich den Westen.

 

 




 



Der absolute Höhepunkt eines Besuchs in Varanasi: der Tod.
 
 




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Varanasi
begann ganz unspektakulär. Abgesehen davon, daß der Transfer zum Hotel fast in den Graben fuhr und ich meine Taschen quer durch die Stadt schleppen mußte, weil 1. der Taxifahrer nicht allzuviel arbeiten wollte und 2. ich zu dumm war, eine Riksha zu mieten und 3. weil mir eigentlich gar nicht bewußt war, wie weit es zum Guesthouse war. Also machte ich zur Abreise Punkte 2 und 3 gleich von Vornherein rückgängig, das mit dem Fahrstil ließ sich nicht rückgängig machen, da ich natürlich nicht alle Gräben an der Straße zum Flughafen entlang zuschütten lassen konnte. Allerdings nahm ich dann in Mumbai tatsächlich den Shuttle-Bus zwischen den Flughäfen und zahlte also nichts. Klüger kehrt man heim. Wenn nicht sogar etwas erleuchtet, mindestens aber glimmend.
 
Wir leben in einem Westen, der natürlich Varanasi, bzw. Indien nie verstehen wird. Außer Indien präsentiert sich bewußt westlich, was bedeuten würde, ihre Movies um einige Stunden zu verkürzen, damit die Westler genug Zeit finden, die Kinovorstellung zu überleben, und das Essen weniger zu würzen und mit Messer und Gabel zu servieren (wobei ich mich zu dieser Kundschaft zähle) und alle Gottheiten als lustige Krampusfiguren auf Poster zu bannen, die dann das Abendland mit ihrer "ungezwungenen Buntheit" unterhalten, damit nach dem Rindsbraten die geistige Hurerei noch wilder vollzogen werden kann.
 
Gehet in Indien den Westlern aus dem Weg. Gehet im Westen den Westlern aus dem Weg.
 

 
 


Und während wir Chai 3598 trinken, kommt ein alter Herr vorbei. Einer von vielen, vielen Musikern in Kashi, halb Mensch, halb Geist: wie alles in Kashi.
 


Nur keine Angst, der grimmig dreinblickende Herr ist nur Musikalienhändler. Gleich wird dir der dreitausendfünhundertundachtundneunzigste Chai angeboten, aber was soll's. Nimm dir die Zeit und der füllige Herr wird dich in das Hinterzimmer führen und dort wirst Du eine hundertfünfzigjährige Veena in den Händen halten, ein Instrument, das kaum mehr vernünftig gebaut wird, das aber so großes Ansehen genießt, das es von manchen Familien auf einem Altar verehrt wird.
 
Shiva Musical House, D-1/135, Lahori Tola, Varanasi (U.P.)


 
 
 
Den Westlern aus dem Weg zu gehen, ist eigentlich die einzige Art, Indien überhaupt kennenzulernen. Anfänglich muß man sich natürlich einer jahrelangen Gehirndusche unterziehen, um sich auf den Ansturm an Spiritualität vorzubereiten. Dafür haben wir ja zumindest eine Handvoll mehr oder weniger begabte und auch mehr oder weniger erleuchtete Yogis erhalten, von Maharishi bis Osho, und ein jeder hat ja doch etwas Laddhu mitgebracht, mit dem wir uns das trostlose Dasein im Tal des Karmas versüßen konnten: mit den Hoffnungen auf unendliches Bliss, viel köstlicher als Milky Way auf dem Himalaya und auf jeden Fall viel kosmischer als jeder xbeliebige tiefe Blick ins Waldbeerenschnapsglas.
 
Und so begab ich mich mit meinem Gepäck, das zwei Flaschen 25 Jahre alten Chivas für Shiva enthielt, quer durch das Hare Krishna Guesthouse geschmuggelt, richtung Meerghat, wo ich dann Zimmer Nummer 1 bezog mit Blick auf die Heilige Ganga und dem allmorgendlichen Geräuschen der Arbeiter aus dem Nebenhotel, wenn sie ihre Lungen vom Morast des Vorabends würgend und spuckend reinigten.
 
Inzwischen frage ich mich, wann der Geist eines Besuchers soweit ist, das er, wenn er taschenschleppend durch die engen Gassen Varanasis schlürft, den Anblick der verkrüppelten Better als alltäglich betrachten kann, die dort am Boden an einem vorbeikriechen. Gott ist so abstoßend geworden. So abstoßend wie der Gestank des Urins an dem öffentlichen Pissoir, das mehr offen als geschlossen seinen ekligen Tümpel beherbergt, ein Pissoir, das direkt gegenüber dem Silberschmiedladen liegt, wobei der Schmied sich weigert, meinen kleinen Lingam zu reinigen, weil er das Metall nicht mehr erhitzen darf, denn zur Reinigung müßte er das tun, aber er darf nicht: "It is God."
 
God lebt in Varanasi an jedem beliebigen Ort und ist in jeder beliebigen Situation anzutreffen. God ist zwar ortsunabhängig und völlig zeitunabhängig, da ja Mahakala der Herr der Zeit ist, wird aber dennoch, strengen Regeln unterworfen, verehrt und lebt auf hier auf diese Weise mit dem bedingungslosen Respekt seiner Schöpfung.
 
An der gleichen Straße (wenn ich mich nicht irre) liegt auch das ehemalige Haus eines ehemals reichen Bewohners von Kashi (Varanasi), der im selbigen Haus einen der wenigen und seltenen Tempel für Chinnamasta einrichten ließ, einer der "Schwestern" (eigentlich Mahavidyas) der Parwati, Shivas Frau. Diese hackte sich, um ihre hungrigen Begleiterinnen zu speisen, den Kopf ab und ließ sie von ihrem Blut trinken. Und in der einen Hand hielt sie auch noch ihren eigenen Kopf, um ihr eigenes Blut zu trinken, das als Fontäne aus ihrem Hals schoß. Gesättigt legte sie ihren Kopf wieder an seinen angestammten Platz zurück und ging wieder ihrer Wege. Es gibt nur wenige ihr gewidmete Tempel in Indien, einer davon befindet sich im Tempelkomplex in Ram Nagar, ganz nahe bei Varanasi. Doch auch dieser war, als ich ihn erreichte, verschlossen wie das Haus des reichen Bewohners von Kashi, der vermutlich schon lange nicht mehr lebt. Dennoch war es aber möglich, vor dem Tempel eine kleine Opferung zu machen.
 


Chinnamasta, Aquarell. Geeta Devi, Künstlerin aus dem "banaras art culture".
 
 
So lebt Indien, reich an Transdendenz, reich an den Mahavidyas, die statt Schmerz nur Reichtum an Gefühl und Genuß erfahren, wenn sie leiden, und reich ist auch Indien an kleinen Mädchen, die von Nepal her verkauft, wie abgetrieben in den Flaschenscherben ihrer Kindheit als Prostituierte in Kalkutta ihren Freiern für Armseligkeiten ihre Beine öffenen, bis sie alt und krank das Tal elenden Karmas hoffentlich in den Armen einer tröstenden Mahavidya wieder verlassen dürfen. Wer möchte da schon wiederkommen? Wer wäre so dumm, vielleicht als eine Christine Aguilera wieder da zu sein, sein Leben zu verjetten, um ein Gegengewicht zum Gelittenen zu finden, um dann wieder Elend-Elend zu kosten. One - one. Es wird nie ein Zwei geben. Die Zigeuner in Pushkar sagen one - one. Sie haben verstehen gelernt, daß es nur Lehm gibt, für den mehr oder weniger Geld bezahlt wird. Es bleibt immer Lehm. Lehm Geld, Lehm Herz, Lehm Liebe und Lehm Haß. Der Lehm wird mit dem Karmarad weichgetrieben.
 
 


Der wilde Typ da in der schwarzen Lederjacke, den kann ich wirklich wärmstens empfehlen: Mein Guide. In der Mitte der Händler aus dem Stoffladen und der Schneider.
 
Ashok Sayth, Guide for Varanasi.
Einer, der alles möglich macht.
CK 65/237, Bari Pearey, Chet Gang, Varanasi.
Mobile: 09889276208

 
 
Die Westler klammern sich an ihre Physik und ihren Realitätssinn. Sie haben ihre wissenschaftlichen Bücher so gründlich verkehrt herum studiert, daß sie in Varanasi keinen Platz haben. Sie bezahlen zwar dafür, dort zu sein, aber sie lesen die Dinge verkehrt herum. Sie vermissen den Westen und finden es exotisch, ein fremdes Land nicht kennenzulernen, sondern zu interpretieren. Der elektrische Trommler spielt nicht, weil es gerade keinen Strom gibt. Und wer seine Bücher verkehrt herum liest, glaubt Strom zu empfinden, wo es nie einen gegeben hat. Das schöne Lichtermeer ist kein märchenhafter Anblick, es ist eine Kette von Tränen, mit der die Menschen die Heilige Ganga mit kleinen Lichtern, die in eine Schale gesetzt wurden, um Gnade und Erlösung bitten. Wir haben uns verirrt, wir möchten wieder weg. Entbinde uns des Wunsches nach Glück, denn der Wunsch nach Glück nimmt uns doch den Wunsch nach Glückseligkeit.
 

 
Und während die Physiker, denen man aus dem Weg gehen soll, und auch die lustigen Wandersleut aus Deutschland und Kalifornien noch schlafen, da stehen schon die ledernen, zerlumpten Gestalten am Chaistand, röcheln, husten, spucken und zeigen mir den kalten Weg frühmorgens zum Kashi Vishvanath Tempel. Sie gehen mit, denn es lassen sich wieder einige Rupees verdienen, wenn sie mich dort als Angereisten einschleusen.
 
Doch ich rase voraus. Noch ist es noch früher und noch kälter. Die Gassen sind genauso eng und genauso feucht und schlammig. Ein hauch genußvoll errochene Verwesung liegt dort immer in der Luft: Geborgenheit in völliger Einsamkeit, die Trunkenheit des Devotees auf dem Weg in die Arme der Züchtigung durch seine kosmische Mutter, die die Schale Blut kurz wegstellt, um ihn mit ihrem kalten Segen die Einsamkeit zu versüßen. Ach würde dieser Devotee ein offenes Herz haben, er würde diesen Segen wie heiße Schokolade trinken aber so rutscht seine Hingabe dahin, haltlos über die gefrorene See varanasischen Schlamms.
 
 
 
 

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I n d e x


 
 
Besuch in Varanasi

Einläutende Worte

Mumbai

Mumbadevi und mehr

Varanasi, Teil 1

Indiens wunderbare Sterbestadt


Varanasi, Teil 2

Das Herz Indiens


 

 


Es heißt, bevor man Kashi betreten darf, soll man den Darshan Kalbairavas empfangen. Manche nennen ihn Kalberu. Soweit ich weiß, handelt es sich dabei um einen tausendarmigen Dämon, der in jeder Hand eine Waffe trägt. Er ist beschützer Varanasis und ein Haar Shivas.



Eine der alten Drucke aus der banaras art culture-Galerie: Lakshmi und Vishnu als zweigeschlechtliche Gottheit.
 
Kommt man an am entferntesten der Hauptghats, am Assi Ghat (die Ghats sind die Orte, an denen man zur Ganga hinabsteigen kann, um ein Bad zu nehmen), kann man von dort aus eine Riksha nehmen und zum Zentrum wieder zurückfahren. Oder man geht um die Ecke nach rechts und verweilt eine Zeitlang im "banaras art culture". Das von Shree Gopal Ji Goel und Shyam Das Agrawal ins Leben gerufene Kulturzentrum beherbergt in einem 275 Jahre alten Haweli aus Sandstein einen Empfang, eine Halle und einen Innenhof. Alle Räumlichkeiten zeigen eine Fülle lokaler, zeitgenössischer Kunst aus Varanasi: Skulpturen in Bronze und Holz, Stein und Terracotta, Malerei, Graphik, Seide und Aromen.
 
Ich persönlich konnte mit den eher moderneren Sachen nichts anfangen. Da aber die Religion im Leben eines Inders immer noch eine zentrale Rolle spielt, begegnet man hier zum Großteil ohnehin Götterbilder oder aber die Darstellung von bekannten Szenen aus den Heiligen Schriften. Und immer wieder tauchen Bilder der Mahavidyas, der zehn eigenwilligen Manifestationen der Parvati auf: sogar Bilder der noch eigenwilligeren Chinnamasta (Betonung auf das letzte "a"), jener Mahavidya, die ihr eigenes Blut trinkt und damit zum sprituellen Symbol des Perpetuum Mobile wird.
 
Unvermeidlich in Indien ist die Begegnung mit den Kalenderbildern, den bunten Heiligenbildern. Leider hat ihr Charme in den letzten Jahren etwas eingebüßt, in der Vor-Hippie-Ära waren sie noch intensiver und hatten etwas, was auch die alten Mickey Mouse und Donald Duck Heftchen hatten: sie hatten dieses gewisse Etwas kindlich-märchenhafter Kunst. Immer wieder mal fragte ich einen Verkäufer aus einer Chai-Hütte, ob er nicht sein Kalibild verkaufe, denn öfters sind diese alten Drucke und Photographien in kleinen Restaurants, Läden oder aber sogar in Tempeln anzutreffen. Es bleibt immer beim Nein, und so darf ich meist als Substitute ein Photo machen. Doch im "banaras art culture" hat es viele Schubladen, und eine davon beherbergt eine Menge solcher Drucke. Aber was soll's. Man kann ja unmöglich Varanasi aufkaufen. Aber zumindest eine Handvoll solcher alten Abbildungen wechselten den Besitzer.
 
Ich besuchte diese Galerie zweimal. Beim ersten Besuch waren sie dabei einen mannshohen Nataraj (tanzender Shiva im Zentrum des Karmarades) einzupacken, zum zweiten Besuch war dieser schon in eine Kiste verpackt. Er ging nach Holland, in einen Garten.
 
Jedenfalls ist diese Galerie, die nach dem Motto: "We believe art is not a trading of object but transfer of information for better understanding." geführt wird, unbedingt einen Besuch wert. Und dann Augen auf: denn viele der Objekte verstecken sich ein wenig verschämt in den Regalen oder sogar in den Schubladen.
 
banaras art culture
2/114 Bhadhaini Assi, Near Anandmai Hospital, Varnasi, India.
 
Weitere kleine Bilder aus der Galerie:
 


Vishnu, wenn er für Reichtum angerufen wird.
 


Shiva, nach altem charmanten Druck.