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Varanasi 2007

Reisen von einem Universum in ein nächstes

Besuch bei Familie Shiva Teil 1
Einläutende Worte.

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Bahnhof in ein neues Leben. Der Manikarnika-Ghat in Varanasi. Hier werden 24 Stunden am Tag die Toten verbrannt.
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Indien beginnt immer mit einer Stimmung. Einer Atmosphäre, die sich zunächst mit einem Geruch bemerkbar macht. Indien liegt hinter Bharat. Es ist ein Land, das sich in einem Kontinent manifestiert, der sich nur halb vom Festland getrennt hat. Diese Verbundenheit hat tiefe Ähnlichkeit mit der Grünen Tara, die mit einem Fuß dabei ist, von den Himmeln herabzusteigen und bereits die Erde berührt.
Indien ist ein brutales Spektakel, das manifestiert wird, um die endlosen Drehungen des Karmarades endlich zum Stillstand zu bringen. Schon allein, um in Würde das materielle Dasein zu erledigen. Darum gibt es kein wirkliches Indien. Es gibt kein Indien, das soziale Probleme hat, es gibt kein Indien, dem man wirklich helfen kann, aus dem Elend zu geraten, denn das Elend ist nur die auffälligste Form dieses brutalen Spektakels, das den Bedürfnissen entspricht, die das Karmarad weiter antreiben. Indien ist nicht nur von Menschen bevölkert, es leben dort auch die vielen Tiere, an und in den Menschen, Tiere mannigfaltigster Form und Größe, die Gemeinschaft bilden mit den Menschen und Göttern, so wie verwandt sein oder Nahrung (wofür?). Und es leben in Indien die vielen Milliarden Götter, die den Tönen und Schattierungen jeder Farbe und dem Spektrum von jedem Empfinden entsprechen und jede Handlung vollziehen können: Segen und Fluch für die Menschen sind. Auch dann, wenn sie die Wünsche der Menschen nach Wohlstand oder gar Reichtum erfüllen. Der Wille und die Wünsche der Menschen sind mit den Wünschen und dem Willen der Götter eins oder verbunden.
Varanasi bietet Weite an. Selbst wenn man sich zwischen den inzwischen vom Einsturz bedrohten, sich nach Außen sich bauchig wölbenden Mauern, die die engen Gassen der Altstadt bilden, hindurchschlängelt, sich durch das Labyrinth aus tausend Jahre altem Computerspieldesign bewegt, Schulter an Schulter mit den Kühen, Hunden, Lastträgern, Motorradfahrern, Sadhus, So-Als-Ob-Sadhus, Schulkindern, Militär, Mäusen, Ratten, auf dem Boden liegenden oder kriechenden lebenden Lumpen, Pilgerprozessionen aus Südindien ... oh, die Liste ist Endlos. Eines ist aber sicher: hier bewegt man sich durch eine der unsprünglichen Adern allen Geisteslebens. Hier ist der Ursprung noch nicht von Regenwald überwuchert, in Wüsten versunken oder im Meer. Hier ist einer dieser Ursprünge, die bis zum heutigen Tage faßbar sind wie ein Stein oder wie die Asche verbrannter Menschen.
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Irgendwie war es ein ganz anderes Lebensgefühl aufzuwachen, mit dem glitzernden Sonnenlicht im Auge, das mir von der vorbeifließenden Ganga zugeworfen wurde ...
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Die allabendliche Ganga-Arati (Gangaverehrung) am Main Ghat.
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In dieser physischen Welt hier habe ich keinen Vater, keine Mutter, keine Familie und nur ganz wenige Freunde, und ganz wenige Personen, denen ich wirklichen Respekt entgegenbringen kann. Wer sich selbst belügt, belügt auch andere, wer sich selbst und andere belügt, ist die vampirhafte Ausgeburt der Angst und damit ein Vampir, Vertreter der Dracula-Kultur, deren Älteste zu Weihnachten im Cafe de la Paix in Paris Schlachtfest feiern und blutrünstige Unterhaltungen führen.
Ich habe nichts zu erwarten von dieser Gesellschaft. Ich erwarte eher, daß sie weinerlich winselnd zu mir kommt und um Weisheit bittet. Oh nein, nicht um meiner Person willen (obwohl das auch schon angebracht wäre, maßlos bescheiden wie ich bin, kann ich das unverständlicherweise nicht akzeptieren), vielmehr weil ich mit Worten und Taten ihr Seelenheil und auch das Heil der Welt mannigfaltig fördern könnte. Der, der ich bin, hat Blut, Schleim und Knochensubstanz aus dem Segen Shiva-Shaktis, aus dem reinen und ursprünglichen Impuls, empfangen. Und, obwohl ich in tiefer Umnachtung diese engen Gassen durchwandere, mit kränklichem Körper und schwach an Gliedmaßen, erfahre ich in meinem Dämmerzustand doch die visuell und akustisch verankerte, materiell verschlüsselte Botschaft des heiligen Dahms. Die vielen Brösel der Materieteilchen, die die zerfallenden Wände der Hundertschaften von Tempeln und Behausungen bilden, die ungelenk erscheinenden Schallwellen der Motoriksha-Hupen und Tablaschüler, die Gerüche aus den Tschai-Nebeln, verwesenden Blumenopfern und Exkrementen, Glockenklingeln und Affenkreischen, das Zurückkehren des Marsalageschmacks am hinteren Teil des Gaumens zur Kostprobe: All diese Eindrücke binden das kosmische Yantra Varanasis zu einem Ganzen zusammen. Jeder einzelne Eindrück lebt als Behälter eines kosmischen Ausdrücks. Darum vergeht alles so schnell in Indien, in Varanasi, wie ein Getränkekarton, der seifig wird und zu einem Fast-Nichts, bevor er von der Vergänglichkeit transformiert wird.
Kali ist meine Mutter, Shiva ist mein Vater. Sie hält mich an der Hand, wenn ich nachts die Enge und Dunkelheit ihres Gebärhalses durchschreite, begeleitet vom Space-Cake Verkäufer. Shiva, mein Vater und Zeichenlehrer, läßt mich erahnen, aber nicht verstehen, was mir begegnet, wenn ich die Zeichnungen lese, die als ewige Schrift von Falten, Glättungen und Farben auf den Steinen gezeichnet sind, die als Menschen und Ziegen die reinigende Hitze seines Gemüts knapp überleben. Wenn sie als Gläubige inkarnieren, um in seinem Dahm zu leben: Varanasi, die Schnittstelle, der Heiligen Dahm, angesiedelt zwischen Erde und spritueller Welt. Was nach Kashi (Varanasi) kommt, wird zu Kashi.

Ein Haus voller Devotionalien, Ausstattung für Altäre. Wie dem so ist, in Kashi natürlich in erster Linie für Shiva Lingas. Auf dem Bild vor dem Verkäufer eine komplette Form, Linga und Yoni.
(Vermutlich:) Rajasthan Moorti Kala Kendra & Handicraft Centre. D. 15/71 Dasaswamedh Rd.
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Kashi ist die kosmische Beuge der Mutter Ganga. Weit und unverständlich beherbergt sie das Versenken der verstorbenen Heiligen in ihren nächtlichen Nebeln, wie auch die göttliche Melodie wie der Sonnenschein hinter den Regenwolken verborgen bleibt, um als Regenbogen in der Melodie einer zart gespielten Sitar der Erinnerung an das Verstehen einer Klangabfolge zu dienen, die uns in ihrer vollen Konsequenz als Menschen immer verborgen bleiben wird. Nur Saraswati als Mutter aller Melodien vermag diesen Schleier zu durchdringen, weil sie ihn erschaffen hat und seinen Stoff sowohl erstellt und auch gebraucht hat, um alle Kunst zu spinnen. Maya macht die Schnittmuster, die Gunyas leiten die Fabriken.
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Die Deity der Ganga-Ma in ihrem kleinen Tempel direkt an ihrer eigenen Seite, am Flußufer der Ganga, auf ihrem Reittier, dem Krokodil.
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Mutter Ganga und Vater Shiva erhalten die Erde. Sie sind das Pentagon der Welt. Die brutale Kraft einer einzigen Göttin und die Sanftheit eines allmächtigen Gottes, der ihre Brutalität aufzufangen vermag, erhalten den unhörbaren kosmischen Klang (OM) aufrecht, der das Gefüge der Welt trägt. Aus diesem Zusammenspiel wird das Überschreiten der Pforte, von der aus man vom Leben in der Welt hinüber in die Welt der Geister schreitet, ermöglicht. Das mittlere Element Feuer zerstört die letzten Überreste des Körpers. Feuer transformiert das niedere Element (Erde) immer in ein höheres (Äther). So ist Kashi die große mystische Verbrennungsstätte Indiens. Vierundzwanzig Stunden am Tag brennen die Feuer der Verstorbenen am Ufer der heiligen Mutter Ganga. Ganz am Schluß der Zeremonie findet der letzte Austausch statt: Das noch letzte, noch nicht gänzlich verbrannte Stück des Verstorbenen wird zwischen zwei Stöcke geklemmt und zur Ganga getragen, wo es versenkt wird. Als Tausch bringt der Brahmane einen Tonkrug voll Wasser zur letzten Glüt zurück, wo er Wasser mitsamt Krug ins Feuer wirft.

Lichterkette auf der Ganga und überforderter Tourist: Blick vom Ganpati Guesthouse auf das weite Wasser bei Nacht ...

... und bei Tag.
Es ist mir nicht im Geringsten bekannt, wieviele Funktionen Ganga Ma in Kashi vollzieht. Tatsache ist aber, daß Varanasi als heiliger Dahm mit der Ganga eine multifunktionale Gemeinschaft bildet, die weit über über das Bewässern von Feldern hinausgeht. Denn am Anfang jeden Lebens steht nicht die Chemie sondern Geist, Shiva. Und vollzogener Geist, Shakti. Namen können Schall und Rauch sein, so ist es sogar auch hier, denn in der Stille Kashis offenbaren sich natürlich alle Namen in einem: in allen Geräuschen und allen Mantren verlieren sich ihre Bedeutung in Om und Stille und gewinnen so alle Bedeutungen wieder zurück. Uns zur Auswahl, sogar.
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©2008 Wavingtree Gardens / Jede Reproduktion nur mit ausdrücklicher Genehmigung
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I n d e x


Immer und überall: Shivalinga. Hier mit Kundalinischlange und mit überhängendem Topf, aus dem Wasser kühlend auf den heißen Penis tropft.



Typisch eher saubere Straße. Eine tote Ratte, ein Hund und hingekackt. Bei Regenfall wird alles verflüssigt.


Soll ich es verraten oder nicht? Nun, der Vollständigkeit halber muß es ausgesprochen sein: Nicht jeder Sadhu ist ein Holy Man. Manche von ihnen sind recht unholy, und manche erbetteln sich täglich ihre paar Rupies und warten dann am Abend auf den Händler, der ihnen den billigen indischen Wein in den Plastiktüten bringt. Was heißen soll, daß man nie wirklich weiß, wem man tatsächlich begegnet. So soll es, im Schlamm der Ganga verankert, Sadhus geben, die seit Jahrhunderten dort unter Wasser stehen und meditieren. Es ist gefährlich, einen Sadhu nach seinem Äußeren zu beurteilen. Einerseits weil sie tatsächlich ganz große Yogis sein können, andererseits weil sie auch über magische Kräfte verfügen, die sie nur allzugern einsetzen, wenn sie beleidigt werden. Und sie wissen wie's geht, sie haben lange genug Yoga studiert.

Und der Almdudler schmeckt auch einem Sadhu.
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