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"Die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist mitunter schwer zu definieren. Wer kann mit gewissheit sagen, wo genau die Grenze zwischen Realität und unserer Wahrnehmung der Realität liegt, zwischen dem, was existiert und dem, was wir zu sehen glauben."
David Cage (Aus 1000 Game Heroes, Ed. David Choquet, Taschen)
  
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S O M E W H E R E O V E R T H E M A T R I X
9. Juni 2003
Nach langjähriger, zurückgezogen meditativer Tätigkeit: Der Lohn der Arbeit ist die Morgenröte der Hoffnung. Es bleibt immer noch die Hoffnung, wenn auch die während der Meditation und Kontemplation geschmiedeten Pläne noch so unrealisierbar erscheinen. Die Hoffnung, dass sich etwas verbessert. Zumindest ein wenig verbessert, obwohl die Hoffnung immer vom Hammer der Realität zerschlagen wird. Es bleibt dennoch immer die Morgenröte der Hoffnung übrig, und meist zeigt sich ihr Rot als Botschafter aus den Tiefen des inneren Weltalls, als Botschafter, der sich jeder Diskussion widersetzt und regelmässig (mit oder ohne Erlaubnis des Hoffnungsträgers) seine Nachricten übermittelt. Im Traum natürlich. Wenn ich mich Nachts in die Kapelle des Schlafs begebe, wo es weder Verbrechen noch Sünde gibt. Wo die Schlangen in der Schachtel mit gelben Comicaugen zum Spalt hervorschauen und auf's Frühstück warten. Auch Schlangen wollen Essen.
Schon Final Fantasy X beginnt damit, dass alle Helden vor dem zerstörten Zanarkand sitzen. Die Titelmelodie, in eine melancholische Klavierfassung umgesetzt, trägt zur elegischen Stimmung bei. Wir trauern heute einem der wichtigsten Güter nach, die wir einmal besessen hatten: der Vernunft, der Unterscheidung zwischen Notwendig und Unnütz, zwischen Konstruktiv und Zerstörerisch.
Wie kann man einen Wolf im Schafspelz erkennen, wenn man nur das Schafspelz sieht, und deshalb der Wolf einfaches Spiel hat, wenn er es anlegt, um das Rotkäppchen zu fressen (siehe: "Jin Roh", Anime von Mamoro Oshii). Das Geruchtsorgan des Opfers ist so schwach, dass es die Gefahr hinter der Verkleidung nicht wittert, selbst dann, wenn es schon gefressen ist, glaubt es sich noch am Leben, aber nur der Glaube ist noch da. Ein Irrlicht, das aus einem fehlgeleiteten Intellekt zwielichtig leuchtet, eine Laterna Magica, das jedes Gefühl, jeden Instinkt so verschlüsselt, dass das Opfer sich freiwillig - vermeintlich widerwillig - seinem Jäger hingibt. Bye bye. Du sitzt schon im Verwaltungsrat (oops, verzeihung,: Verdauungssaft wollte ich sagen). Schon bist Du auf der Liste für den Voodoo-Tod.
  
Allzufein unergründlich sind die Schattierungen der realen Welt.
Autsch. Real. Gerade das ist gar nicht so einfach zu definieren. Hat Gott die reale Welt erschaffen? Oder der Urknall? Oder wir? Oder entstammt sie einem uns völlig unbekannten Ursprung? Man stelle sich das Universum vor, in seinem riesigen Ausmass. Und dann das gleiche Universum, mit dem Unterschied, das seine Grenzen gleich da um die Ecke zu Ende sind. Und dort jetzt, hinter der Ecke? Ist da nix? Wird da einem unter dem Bodhi-Baum nicht Angst und Bange, wenn sich die Religionen als Märli und die spirituellen Meister alle als Scharlatane und Psyhopathen entpuppen? Von Buddha bis Crowley? Was nutzt Dir die schamanische Reise, wenn sie sich als Sackgasse entpuppt? Alle Welt weiss, dass Maharishi gut verdient mit seiner billigen Einstellung zur Selbstverwirklichung (http://www.suggestibility.org). Jeder weiss, dass Hollywood mit der Matrix-Serie gut verdient. "The Matrix", das war wirklich ein Geniestreich. Nur: Was will uns der zweite Teil sagen? Will er uns überhaupt etwas sagen? Natürlich sagt er uns was. Er reisst uns die Idole vom Sockel und Hollywood verdient damit, dass wir uns von der Romantik des ersten Teils zum Besuch des zweiten Teils verlocken lassen. Uns verlockt die düstere Gothic-Romantik, die uns die im Alltag abhanden gekommene Gefühlswelt ersetzt.
Immerhin haben wir's soweit gebracht, dass es inzwischen Leute gibt, die sich mit Emotive Subself Healing ("Es gibt keine negativen Gefühle", DS Barron, ISBN 3-930994-71-2) beschäftigen (was auch immer das ist) und natürlich gibt's die vielen Indigo-Kinder, die uns daran erinnern sollen, dass die Dinge ganz anders sind, als so, wie wir sie gedanklich anordnen, damit wir uns hinter den Kulissen verstecken können; aber so eine fette Dosis Ritalin, die bringt die schon zum Schweigen. Und dann sind wir wieder einmal so schön auf uns gestellt, wie es sein soll, und wie es unsere Generation, wir, die wir nun in den halbwichtigen Positionen sitzen, bestimmt hat; auf der Grundlage ihrer Faulheit und Bequemlichkeit (Bye bye, real world).
Also Matrix Reloaded ballert auf Dich los und beschert Dir jede Menge schauspielerischen Nicht-Könnens und jede Menge Geschwafel, von Morpheus' Wichtigtuerei bis hin zu Neos fürchterlich inszenierte Verwirrung, oder Trinitys untersüsses Liebesgeflöte bis hin zu der Stelle als sich Neos und Persephones Kauorgane abtasten. Unendlich lange turnen Sie über die Autobahn und zerschleissen Material und machen mit den Agenten Kung-Fu Leibesübungen um einem Gesheimnis auf die Spur zu kommen, das schon längst Abwaschwasser geworden ist. Was hat man nur aus der Matrix gemacht. Wie hat er dieses Kunstwerk in seinem zweiten Teil zu einem billigen (abgesehen von den Herstellungskosten) Comic degradiert. Schon die Superman-Filme sind schlimm genug gewesen. Warum nur, warum?
Und jetzt: Die Antwort. Also eine deutliche Antwort habe ich nicht. Ich bin immer noch Matrix-Fan und in meinen Wunschträumen ist "Matrix Relaoded" die aberwitzige Fortsetzung eines Filmes, der grundlegende philosophische und gesellschaftspolitische Fragen aufgeworfen und sogar beantwortet hat. Und sogar noch darauf hingewiesen hat, dass das "Rabbit Hole" noch tiefer geht. Aber aus einer Metapher kann man nicht immer einen ganzen Film drehen, wenn man auch noch die Menschheit dazu bringen will, Bond und Anakin Skywalker zu vergessen. Ist auch nicht unsere Aufgabe. Ich habe auch nichts gegen Daniel Kübelböck. James Cameron hat ja erstaunlicherweise auch eine (für mich glaubwürdige) Max Guevara gezeichnet und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten gehalten. Und doch hat "Matrix Relaoded" völlig versagt. Sagen sie alle. Und sage ich. Und warum sage ich das auch?
Will ich denn die Revolution im Kino sehen? Zum Glück hat uns der zweite Teil der Trilogie die Helden geraubt, auf die man aufblicken will. Auch ich bin ja kein Ninja, kein Samurai und schon gar nicht ein Morpheus oder Neo (zumindest in dieser Inkarnation nicht). Kurz und gut: "Matrix Reloaded" ist gut genug, uns daran zu erinnern, dass man auch in einer Trümmerstadt wie Zion in der Mitte der Erde wilde Parties feiern kann (und sich auch noch gut anziehen kann, im Gegesatz zu den Etikettenträgern in den Discos am Samstagabend) und dass man gefälligst nach Hause gehen soll nach dem Film und sagen soll: OK, ich habe eine Menge perfekte Saltos gesehen, aber wenn ich meine Hirnlappen nicht umkremple, glaube ich auch noch, dass das was Besonderes war. Das war nichts als sündteures Lichtspiel. Lichtspiel! Ha! Wer sagt das noch heuzutage: Lichtspieltheater? Ich finde, das ist ein schönes und zutreffendes Wort.
Vorletze Woche habe ich den Albert Hofmann während eines Vortrages in der Gaiamedia gefilmt. Und irgendwer hat gefragt: "Was sehen Blinde?" Und Albert Hofmann hat gesagt: "Blinde sehen gar nichts." Hat er gesagt. Es ist alles schwarz, sagte er. Wir gebrauchen nur das Mittel Licht, das wir mit dem Werkzeug Auge in Wahrnehmung umsetzen, um unsere Umgebung zu "erkennen". Oops again. Was wissen wir von unserer Umgebung? Naürlich führte er weiter aus: Die einen Menschen sehen blau, die anderen vielleicht eine ganz andere Farbe, vielleicht rot oder orange. Tausend Leute, tausend Wahrnehmungen, tausend Welten. Tausend, so füge ich noch hinzu, Gefühle, die alle anders sind und die Welt wieder anders erscheinen lassen: Irgendwo zwischen Begeisterung und Abscheu, und das ist wirklich eine weite Palette. Eine kleine Palette wird von der Werbung angesprochen. Sie gebraucht dann unser tiefstes Loch, unseren so gefürchteten Abgrund, um vorzugaukeln, dass er von etwas gefüllt werden könnte, das unserem Leben Sinn und Wert gibt. Sei glücklich, mit dem Auto hast Du auch die Anerkennung dieser Frau. Mit dieser Versicherung hast du die Sicherheit, keine unnötigen Schmerzen erleiden zu müssen. Mit der Light-Salami bleibst Du schlank und kannst dem Tussi ebenbürdig sein, die eigentlich Deine Freundin sein sollte, aber eigentlich Deine Rivalin ist, weil Du zu einer freundschaftlichen Beziehung unfähig bist.
Also wenn Du ein hübsches Fräulein zum Abendessen einlädst, dann lege Deine Waffen auf den Tisch. Du wirst eine wichtige Bildungsaufgabe erfüllen. Und Deine Freunde werden auf Dein Wohl Schampagner trinken, weil Sie wissen, dass Du harmlos bist, aber mehr als Hollywood: Weil Du kein Lichtspiel bist, nur Lichtspiel im Auge Deines Gastes, aber auf Fragen antworten geben kannst, die ihre Eltern, ihre Freunde und auch ihr Freund nicht geben können. Und wenn sie behauptet, es gäbe so viele Menschen, die sie nicht verstehen ... Du hast Sie verstanden und ihr gezeigt, worum es geht. Diese Waffe auf dem Tisch wird benutzt, um über Leben und Tod zu entscheiden. So wie wir jeden Tag über Leben und Tod entscheiden. Bewusstsein oder Bewusstlosigkeit. Mal in weiterem, mal in engerem Ausmass, aber es ist immer zwischen Lebendigkeit und Abtötung angesiedelt. Mit abgetöteten Gefühlen schlägt man sich besser durchs Leben. Wobei: Versauf mal in ihnen, da ist ja Treibsand nix dagegen. Dafür haben wir ja den Verstand, der irgendwo zwischen den Synapsen spaziert. Meister Lampe im Rabbit Hole. Unser Guru, wenn unser Spritueller Lehrer grad keine Zeit für uns (mehr) hat, weil er ins Casino oder ins Bordell gegangen ist und seitdem nicht mehr gesichtet wurde. Die Dreieinigkeit hat uns verlassen. Mopheus, Neo und Trinity machen nur mehr Kasperltheater. Und jetzt? Lasst uns frohlocken: It's up to us. Wir wollen doch so gern Chef sein. Jetzt ist Gelegenheit. Und die Wegleitung zum Erfolg haben wir auch, wir müssen nur mit Meister Lampe reden. Was nicht heisst, dass wir jetzt unsere Biblothek in die Bücherverbrennung bringen müssen. Aber heftig ausmisten. Und dann, nach den vielen einsamen Stunden mit Meister Lampe haben wir die Strategie skizziert. Den gefährlichen Pfad durch den Grossstadt-Urwald. Den ultimativen Reality-Kick. Wanderschuhe angelegt. Kampfstiefel angeschnürt. Tabis angezogen in meinem Fall. Here we go. Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet das Geschick. Eigentlich können wir nichts anders tun als uns so gut wie möglich auf das, was dann auf uns zukommt, vorzubereiten. Es ist uns keine Erfolgsgarantie gegeben. Aber: Warum ist Niobe so kurz gekommen? Muss man sich wirklich das "Matrix Revisited" zulegen, um sie zu geniessen? Na, wer hat die Antwort? Ich war sogar mit ihr im Kino zur Premiere von "Matrix Reloaded". Zumindest mit ihrer DNA.
  
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